Schoggigipfel in der 24-Stunden-Bäckerei

Schoggigipfel in der 24-Stunden-Bäckerei
Ein Übersetzungsbüro war unter den Ersten im Haus, als im obersten Stock noch "die Frauen wohnten", wie der Chef sagt. "Die Frauen",
das sind Nutten. Angst hatte sie nie, sagt eine Angestellte der ersten Stunde, "die Polizei ist ja immer präsent hier". Ab und zu gibt's Schlägereien, gar Schiessereien, aber man gewöhne sich daran. Über einen toten Drogensüchtigen steigen zu müssen, um ins Büro zu kommen, wie es vor einigen Jahren mal vorkam, das sei aber schon ziemlich schockierend.
Inzwischen ist es drei Uhr morgens an diesem Samstag, auf einer der Sitzbänke hockt eine junge Frau und weint, ihre Freundinnen reiben ihr tröstend den Rücken und tätigen Anrufe. Ein etwa Dreissigjähriger mit Schirmmütze ruft im Suff euphorisch einen Namen: Claudia, Claudia, immer wieder, seine Kumpels versuchen ihn amüsiert und halbherzig zu beruhigen, bugsieren ihn weg.
Vor dem "Happy Beck" tummeln sich Leute. Der "Happy Beck" ist wohl die markanteste Neuerung der letzten Zeit, hat vielleicht am meisten verändert. Die Bäckerei hat am Wochenende 24 Stunden geöffnet und ist Anlaufstelle für alle, die während des Feierns eine Stärkung brauchen oder Frühstück für den nächsten Morgen, der meist eigentlich schon angefangen hat. Drinnen gehen also die beliebten Schoggigipfel und andere Imbisse über die Theke, draussen warten Junkies mit hohlen Händen und zählen auf alkoholisierte Freigiebigkeit. Zu Recht.
Der Chef des "Happy Beck", Yakup Aydin, arbeitet bis zum Umfallen. Nachts die Clubbewohner, morgens die Quartierbewohner. Er ist in der Schweiz aufgewachsen, ging dann zurück in die Türkei, wo seine Familie eine Bäckerei namens "Zurih" eröffnete, mittlerweile gibt es davon drei Filialen. Aydin kam der Liebe wegen zurück nach Zürich und eröffnete vor eineinhalb Jahren den "Happy Beck".
Beraten wird der Familienbetrieb vom vielleicht berühmtesten Konditor der Schweiz nach DJ Bobo: Alfredo Lardelli, neuerdings Alfredo Borgatte dos Santos, eine schillernde Figur des Milieus. Der wegen dreifachen Mordes Verurteilte hat eine langjährige Haftstrafe abgesessen. Im Gefängnis machte er eine Ausbildung zum Konditor und fungiert so jetzt als Produktmanager der Bäckerei. Im Betrieb nennt man ihn "Papi".
Gleich gegenüber des "Happy Beck" liegt die Pforte zur "Zukunft", so heisst einer der momentan beliebtesten Elektroclubs der Stadt. Anfangs noch ein Geheimtipp der urbanen Avantgarde, wurde er schnell vom Plebs aus den Vorstädten entdeckt, was dazu führte, dass "geheime Parties" eingeführt wurden, von denen nur Auserwählte via SMS erfahren. Man will ja manchmal auch unter sich sein. Zusätzlich gibt es äusserst begehrte gravierte Fingerringe für einige Wenige, sie garantieren Eintritt und Preisnachlass.
Trotzdem oder gerade wegen dieser offenherzigen Arroganz platzt der Laden jedes Wochenende aus allen Nähten, vor allem kommen Mitglieder des mehr geduldeten als erwünschten Publikums – junge Männern mit Gel in den Haaren und engen T-Shirts, darauf Prints von englischen Wörtern mit mindestens einem "x" drin, junge Frauen mit engen weissen Stoffhosen, unter denen sich der String abzeichnet, und superspitzen Schuhen, diesem internationalen Prollausweis.










